Das Internet – Die Gegenbewegung zur Demokratie

Letzten Donnerstag. Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Der Ober-Schnüffel-Minister sinniert zum Thema Internet und „Second Life“.

„Das Internet“, so Schäuble, „ist heute so etwas wie die universelle Plattform des heiligen Krieges gegen die westliche Welt. Es ist Kommunikationsmedium, Werbeträger, Fernuniversität, Trainingscamp und Think Tank der Islamisten zugleich.“ Im Cyberspace sei eine „virtuelle und exterritoriale, zugleich aber reale und höchst gewalttätige Gegenbewegung zur westlichen Demokratie“ entstanden.

Puh, das ist aber wirklich harter Toback. Das Internet beherbergt also eine „gewalttätige Gegenbewegung zur westlichen Demokratie“ – das muss natürlich unterbunden werden. Aber irgendwie glaube ich, dass unser Herr Schäuble da etwas missversteht. Für mich ist das Internet „Demokratie“ und nicht eine Gegenbewegung. Niemals zuvor war es so vielen Menschen möglich, weltweit an Informationen zu gelangen, selber Informationen zu verbreiten und aktiv an der Demokratie teilzunehmen. Nie war es einfacher der Zensur des öffentlich-rechtlichen Diktates in Deutschland zu entkommen und sich wirklich eine unabhängige, eine eigene Meinung zu bilden. Und ich glaube, das macht Herrn Schäuble Angst.

Mal ehrlich, den Terroristen war es auch schon vor Zeiten des Internets möglich zu kommunizieren, es dauerte eben nur ein wenig länger. All diese „Verteufelung“ der Neuen Medien scheint nicht mehr aber auch nicht weniger als die Angst vor einem informierten, einem Volk mit einer eigenen Meinung zu sein.

Irgendwann sei ein Punkt erreicht, wo die „von realen Menschen programmierte virtuelle Welt Macht über Menschen in unserer Mitte“ gewinnt, sagt Schäuble. An diesem Punkt „wird die absolute Offenheit des virtuellen Raums zur Gefahr für die offene Gesellschaft und ihre Verfassung als freiheitlicher Demokratie.“

Ups, da sagt er es ja auch gleich selber, die virtuelle Welt gewinnt Macht über die Menschen in unserer Mitte. Stimmt. Wir glauben nicht mehr jedes Wort unserer Minister und Politiker. Ein Blick in Suchmaschinen lässt uns deren Wahrheitsgehalt in Minuten überprüfen. Wir lassen uns nicht mehr so leicht manipulieren. Wir bilden eine eigene Meinung, verbreiten diese und stehen auch dazu. Ich verstehe schon, das so etwas jemandem wie Herrn Schäuble Angst macht. Denn die Macht scheint in seinen Augen nicht vom Volke auszugehen, wie kann es sonst sein, dass er fremde Meinungen nur noch ignoriert. Macht ist wohl etwas ganz anderes…..

(Quelle: Handelsblatt vom 14.09.2007)

2 Kommentare

  1. hanneken sagt:

    Hat schon Recht, unser OSM. Die DDR nannte sich auch Demokratie… Insofern ist das Internet Teil einer Gegenbewegung zur in D real existierenden Demokratie bzw. zur Demokratieform, die sich der OSM erhofft…

  2. tirstoff sagt:

    „Nie war es einfacher der Zensur des öffentlich-rechtlichen Diktates in Deutschland zu entkommen und sich wirklich eine unabhängige, eine eigene Meinung zu bilden.“

    Das ist ein Trugbild. Es ist auch mittels Internet alles andere als leicht, sich ein unabhaengige eigene Meinung zu bilden:

    Zensur gibt es sehr wohl auch im Internet – sie ist haeufig nur nicht so offenkundig und deswegen viel schwieriger zu entdecken. So gibt es etliche Organisationen, die Artikel in wikipedia ganz regelmaessig zensieren (http://golem.de/0708/54144.html).

    Unabhaengigkeit der im Internet verfuegbaren Informationen und Meinungen ist erst recht nicht gewaehrleistet – im Internet noch viel weniger als in der gedruckten Presse. Lobby-Organsiationen haben selbstverstaendlich laengst die Moeglichkeiten des Internets entdeckt und setzen sie gezielt zu ihrem eigenen Nutzen ein.
    Und wenn es schon in einer Zeitung kaum mehr feststellbar ist, dass z.B. eine scheinbar objektive, wissenschaftliche Untersuchung von der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die vom Arbeitgeberverband gegruendet wurde und mit viel Geld finanziert wird, alles andere als objektiv ist, sondern gezielt darauf ausgerichtet ist, die oeffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken, dann ist es im Internet noch viel schwieriger.

    Weiterhin gibt es auch viel gezielt verbreitete Falschinformation, die so geschickt aufbereitet ist, dass es auch fuer Experten nicht gerade einfach ist, deren Wahrheitsgehalt schnell zu ueberpruefen. Ein harmloses Beispiel sind Informationen ueber einen schwangeren Mann, auf die sogar der Spiegel reingefallen war.
    Womit wir beim Folgeproblem waeren, dass naemlich auch die Presse immer haeufiger Informationen aus dem Internet ungeprueft oder zu wenig ueberprueft auch aus dem Internet uebernimmt, und damit die gezielte oeffentliche Meinungsmache anderer unbewusst unterstuetzt.
    Wenn es jemanden interessiert, habe ich irgendwo einen link rumfliegen, in dem sehr detailiert Methoden aufgezeigt werden, wie man den Wahrheitsgehalt von Informationen aus dem Internet ueberpruefen kann.