Beitrag zum "Ersten politischen Blog-Karneval"

Früher war alles besser. Das zumindest habe ich sehr häufig von den Generationen vor mir gehört, und ich ertappe mich selber dabei, wie ich auch immer häufiger diesen Gedanken habe und auch ausspreche. Wir alle schwelgen gerne in Nostalgie und neigen dazu die nicht so schönen Ereignisse zu verdrängen, so dass es früher einfach schöner gewesen sein muss. Ich kann mich z.B. gar nicht mehr an die schlaflosen Nächte erinnern, als mein Sohn, gerade geboren, 4-5 Mal in der Nacht Randale gemacht hat – aber ich erinnere mich ohne Probleme an sein erstes Lächeln, das erste Mal „Papa“ und überhaupt.

War es in der Politik auch alles besser, früher? Ich meine die Zeit 1950-2000, die Zeit in der ich nicht existierte oder die Politik für mich nicht existierte. Ich kann es nicht beurteilen, vielleicht war es so, vielleicht auch nicht. Vielleicht braucht es erst gewisse Ereignisse oder ein bestimmtes Alter bis das Individuum merkt, dass es mit der Politischen Gegenwart unzufrieden ist. Ich habe das Gefühl es wird immer schlimmer, aber ältere Freunde sagen mir auch, es sei immer so gewesen, ich habe wohl nur zuviel mit Mädchen, Sport und Computern zu tun gehabt um dieses zu bemerken…

Tja, und nun beschäftige ich mich seit ein paar Jahren ernsthafter mit Politischen Themen und bin seit knapp 9 Monaten sogar in einer Partei aktiv. Warum habe ich erst jetzt damit angefangen (Mädchen, Computer, Musik und Partys?) Ich glaube, das Interesse an der Politik wird auch von der eigenen Lebenssituation bestimmt. Ich habe aktuell einen sicheren Job, eine wunderbare Frau, einen tollen Sohn und es geht mir eigentlich ganz gut, da ist im Kopf vielleicht Platz für etwas mehr. Und ich bin der Meinung, es gibt überall etwas zu tun, man kann immer etwas besser machen – und nur vom Reden wird’s nicht besser. Deswegen engagiere ich mich in einer Partei und tue etwas.

Warum aber haben die Parteien aktuell mit Mitgliederschwund zu leben, warum wird allerorts von Politikverdrossenheit geredet? Warum unternimmt nicht jeder etwas?

Weil, meiner Meinung nach, die Meinung vorherrscht, „was soll ich denn schon ändern können?“ „Egal wen ich wähle, es ist immer der gleiche Murks, da brauche ich doch gar nicht wählen.“ „Bis ich soweit bin, dass ich in einer Partei etwas erreichen kann, bin ich alt und grau.“

Ich glaube, viele von uns können diese Aussagen nachvollziehen. War das aber schon immer so, oder sind erst unsere Generationen von der Aussichtslosigkeit des Tuns überzeugt? Oder ist das vielleicht sogar gewollt?

Meine Meinung:
Politikverdrossenheit wird von den Politikern selber hervorgerufen und, sie ist gewollt. Wo wenig Interesse an Politik besteht ist eben auch mit weniger Wiederständen zu rechnen. Wo wenig Wiederstand ist, kann man es sich auf seinem Posten viel gemütlicher machen.

Früher galten Politiker als rechtschaffende Menschen, die vielleicht unser Wohl im Auge hatten. Wie kann heute noch jemand glauben, dass Politiker auch nur einen Deut besser sind als der restliche Durchschnitt der Republik. Ein Bundeskanzler kommt damit durch vor Gericht zu schweigen, unser Innenminister hat Gedächtnislücken, andere Bundestagspolitiker begehen Meineid und keiner wird bestraft. Sie können schalten und walten wie Sie wollen, es gibt keinen Wiederstand. Der Wiederstand in den eigenen Reihen wird kleingehalten oder von Beginn an auf „Gehorsam“ getrimmt. Wer nicht im Gleichschritt mitläuft, der kommt in einer Partei nicht weiter und wird nie über Kommunalebene hinauskommen. So wird sichergestellt, dass die Schalthebel über lange Zeit von den gleichen Menschen und danach von willigen Vollzugsgehilfen bedient werden. Ministerposten werden scheinbar nicht nach Qualifikation vergeben sondern einfach per Vitamin-B – damit auch ja kein Querulant dazwischen funken kann.Aus den eigenen Reihen ist also keine Gefahr zu erwarten, denn man will sich seine Zukunftschancen ja nicht verbauen.

Und die anderen Parteien? Man will ja nicht als Nestbeschmutzer gelten, bzw. wer im Glashaus sitzt…. Also auch Schweigen im Walde… Und in der größten Not einigt man sich irgendwie oder ein Bauernopfer wird gefunden, es findet sich immer jemand, den man gerade loswerden will. Falls das nicht so einfach ist, gibt es ja die Willenlose Schar von deutschen Journalisten oder Schreiberlingen, die da gerne bereitwillig hilft und mal schnell uneheliche Kinder, geliebte oder andere Leichen aus dem Keller holt.

Die einzige Gefahr für unsere politische Elite könnte also das Volk sein. Also tut man alles, damit dieses nichts mehr versteht was eigentlich passiert, Gesetze ohne Studium nicht einmal mehr lesen kann und langsam aber sicher auch das Interesse an denen da oben verliert. Entscheidungen werden zig mal revidiert und wieder hervorgekramt, bis keiner mehr weiß was eigentlich los ist. Erst ist man gegen die Online-Durchsuchung, dann dafür, dann eigentlich nicht, dann nur unter umständen und letzten Endes ist es eine unaufhaltbare Entwicklung. Die absolute und gewünschte Narrenfreiheit.

Wer kein Interesse mehr hat, passt nicht mehr auf und geht höchstens noch alle paar Jahre zur Urne und macht das Kreuz an der immer gleichen Stelle und alles wird wieder gut. Wer nicht einmal mehr weiß, welche Grundrechte er hat, der wird auch nicht für deren Erhalt kämpfen.

Wir werden bewusst dumm gehalten und hin und wieder mit kleinen Leckerlies belohnt, damit unsere Eliten weiterhin Eliten bleiben und schalten und walten können, wie sie wollen. Politikverdrossenheit ist kein Nebeneffekt, sie ist gewollt und wird gefördert – das ist meine Meinung.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Ersten Politischen Blog-Karneval: “Politikverdrossenheit in Deutschland. Wohin führt uns die Parteiendemokratie? Kritiken, Analysen und Utopien sind gefragt!”

2 Kommentare

  1. bitter_twisted sagt:

    Zwei Ereignisse dominierten die Politik 1973: Ein Einbruch im Demokratischen Partei Hauptkwartier, in Watergate verfolgte man zu der Republikanischen Partei.

    Der Sekretär des deutschen Bundeskanzlers Willi Brandt entpupte sich als Spion.

    In beiden Fällen mußte der Präsident bzw. der Kanzler zurücktreten, in beiden Fällen gab es kein Indiez das der erste Bürger persönlich verwickelt war, sie mußten aber zurück treten weil sie das Vertrauen der Bürger verloren hatten.

    1997 gab es für Kohl die Spendenaffäre, Präsident Clinton hatte man beweisen können das er ein Meineid geschworen hatte.

    Beiden konnte man Fehlverhalten nachweisen, beide weigerten sich zurück zu treten. Der Standard zu den Politiker gehalten werden ist tatsächlich dramatisch gesunken.